«diss krut gestoissen und den safft genutzet benympft das wee dess hertzen und machet dem hertzen gut geblüde»

Lat.Name: Leonurus cardiaca

Namen: Löwenschwanz, Löwenschweif, Bärenschweif, Herzgold, Herzheil, Herzkräutel, Mutterkraut, Wolfskraut, Engeltrank, Schwanzchrut.

Pflanzenfamilie: Lamiaceae, Minzgewächse 

Verwendete Teile: Blühende Spitzen, Kraut 

Inhaltsstoffe: Diterpene (Leocardin), Flavonoide (Rutin, Qerzitrin), Bitterstoffe (Leonurin), Kaffeesäurederivate, Gerbstoffe, ätherisches Öl, Alkaloide (Betonicin, Turicin), Glykoside

Wirkung: sehr trocknend, adstringierend, blähungs- und gärungswidrig, herzstärkend, Blutdruck ausgleichend, antithyreotrop, spasmolytisch, cholagog, choleretisch, emmenagog, diuretisch

Botanik

Herzgespann zählt wie Andorn oder Wolfstrapp zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Das Echte Herzgespann ist eine mehrjährige, sehr robuste und winterfeste krautige Pflanze und früher fester Bestandteil eines Bauern- und Kräutergartens. Die ursprüngliche Heimat lag wahrscheinlich in Ostsibirien bis zum Himalaya, also in einer Gegend, wo man schon robust sein muss, um zu überleben. Von den Klostergärten aus eroberte sie fast ganz Mitteleuropa, doch dann begann sie in Europa langsam auszusterben. Das verwundert, denn das Herzgespann gehört zu den Lippenblütlern, die sich ja gerne und leicht vermehren. Da fragt man sich schon warum? Wurde sie in Europa nicht mehr gebraucht?

Kaum eine Pflanze ist bei Hummeln und allen Arten von Bienen so beliebt, wie das Echte Herzgespann. Die bis anderthalb Meter hohen Blütenstände sind ständig umsummt und obwohl die blass-rosa Blüten für das menschliche Auge nicht unbedingt zu den attraktivsten gehören, enthalten sie so viel Nektar, dass die Pflanze schon um der Insekten Willen im Garten ihren Platz haben sollte.

Das Herzgespann gehört zu den kurzlebigen Stauden, ist häufig nach zwei bis drei Jahren wieder verschwinden, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Der Sämling ist schnell zu erkennen, an den runzeligen, gezähnten Blättern. Es wächst bis zum Sommer zu einer ansehnlichen Größe heran und blüht auch schon im ersten Jahr. Die Einzelblüte ist winzig, die blassrosa Farbe nur aus der Nähe wahrzunehmen, aber der Blütenstand wird über einen Meter hoch und und ist übersät mit Blüten, die sich über die ganze Höhe der vierkantigen, krautigen Stängel verteilen. Sie sind hohl und oft rötlich überlaufen. Wenn die Samen reifen, verändert die Pflanze ihre Struktur und die bis dahin weichen Blütenkelche werden zu stacheligen Borsten. Und diese Borsten stechen!  Jetzt wird auch der Drogenname Leonurus verständlich, der sich au aus dem Griechischen leon – Löwe und ura – Schwanz zusammensetzt. Dieser starke, feste und wehrhafte Stängel erinnert an einen Schwanz, mit dem man sich verteidigen kann. Ob Löwe, Wolf oder Bär ist egal, ich denke, dass das Tier vor allem auf Kraft, Stärke und Mut hinweisen soll. Das bedeutet: Das Herzgespann macht mensch mutig, die Pflanze stärkt sein Herz – die Chinesen würden sagen: sein Shen, sie gibt ihm Kraft und Selbstbewusstsein, den Herausforderungen des Lebens ins Auge zu sehen.

Der Beiname cardiaca bezieht sich auf cardia – Herz – also frei übersetzt: Löwenschwanz des Herzens, das Herz betreffend, mit dem Herzen in Verbindung stehend. Auch diese Bezeichnung leuchtet ein, betrachtet man die 3-lappigen, am Grund herzförmigen, gestielten Blätter. Sie sind zudem am Blattrand gesägt, gegenständig angeordnet und an der Unterseite weich – flaumig behaart. Damit drücken sie eigentlich das Gegenteil zum Stängel aus: Sanftheit und Flexibilität. Um unseren Ängsten zu begegnen, brauchen wir beides: Rückgrat, Stärke und Mut genauso wie Sanftheit und Verständnis. In diesem Zusammenhang fallen auch die Blattvenen auf, die sich wie ein Kreislaufsystem ausbreiten und im übertragenen Sinn als freies Fließen der Emotionen und Gefühle gedeutet werden können.

Die Blüten entspringen den oberen Blattachsen und stehen dort in Scheinquirlen. Die rosa bis cremeweiße Einzelblüte zeichnet sich durch eine helmförmig gebogene, außen behaarte Oberlippe und eine dreiteilige Unterlippe mit bräunlicher Zeichnung aus. Die gleichmäßige Verteilung der Blüten am Stiel könnte dann noch mit dem rhythmischen Puls unseres Herzens in Zusammenhang gebracht werden. Das würde darauf hindeuten, dass das Herzgespann ein unruhiges, nervöses Herz wieder zum rhythmischen Schlagen bringt.

Geschichte: Herzgespann – gut fürs Herz

Analog dieser Signatur waren die Leitsymptome für ihren Einsatz primär Symptome des Herzens. Es ist umstritten, ob die Pflanze bereits in der Antike verwendet wurde. Angeblich verwendeten sie die alten Griechen, um Streitigkeiten zu schlichten, und sie gaben es auch schwangeren Frauen, die Angst vor der Geburt hatten, was auch zum Beinamen „Mutterkraut“ führte. Nach Castleman, 2001, verwendeten es die Griechen und Römer, um Herzjagen und Depressionen zu behandeln. Sicher ist man sich dagegen, dass sie in Mitteleuropa im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit Verwendung fand. Das Herzgespannkraut (Leonurus cardiaca) wird bereits 1485 im ersten deutschsprachigen Kräuterbuch, dem «Gart der Gesundheit» von Peter Schöffer (1425 – 1503), als Heilmittel bei Herzkrankheiten erwähnt. Dort empfiehlt er das «Hertzgespann» gegen Magendrücken, bei Engbrüstigkeit, Herzzittern sowie Herzkrämpfen, und schreibt über die «cordiata»: «diss krut gestoissen und den safft genutzet benympft das wee dess hertzen und machet dem hertzen gut geblüde». Das 1554 erschienene Cruyede boeck von Rembert Dodoens empfiehlt eine in Wein gesottene Zubereitung des Herzgespanns gegen Schwermut und zur Herzstärkung, ein destilliertes Mazerat aus Wein bei Herz- und Menstruationsbeschwerden. Nicholas Culpeper schreibt in Herbal (1652), dass Herzgespann ein fröhliches Gemüt verleihe, indem es melancholische Dämpfe vertreibe und das Herz stärke. Er empfiehlt Herzgespannpulver in Wein bei Schwangerschaftsbeschwerden. Als Frauenkraut, um die Menstruation zu fördern und die Nachgeburt auszutreiben, benutzten es auch die Kolonialisten Nord Amerikas. In der Viktorianischen Sprache der Blumen symbolisiert das Kraut die verborgene, versteckte Liebe. Herbalist Matthew Becker schreibt, dass motherwort drains excessive heat from the upper part of the body associated with a red face, excessive emotionality (not anger), hyperthyroidism, heart palpitations, and high blood pressure. It is especially appropriate for women who are nervous, anxious, move too quickly to thoughts, emotions, or actions that are not thought out.

Im alten China galt das Herzgespann als Garant für eine lange Lebensdauer. Es gibt eine alte Geschichte über eine Stadt, deren Wasserquelle ein Bach ist, der durch die Ufer des Mutterkrauts fließt. Viele der Stadtbewohner wurden 130 Jahre alt und erinnern sich an einen, der 300 Jahre alt geworden sein soll.

Im 20. Jahrhundert wurde zum Herzgespann geforscht. Dabei wurden die wesentlichen Inhaltsstoffe quantitativ identifiziert und die hypotensive und uteruskontraktive Wirkung nachgewiesen.

TCM

Temp: neu

Geschmack: bitter, sauer (Droge); leicht aromatisch-scharf (frische Pflanze); bewegt Qi und Säfte

Element: Feuer, Wasser, Holz à Herz, Niere (Uterus), Blase, Lunge

FÜR WEN?

Mensch hat ein außerordentlich ansprechbares Nervensystem (Element Wasser), neigt besonders zu Angstzuständen, die sich in unterschiedlichster Weise somatisierren

HERZ

tonisiert (Herzglykoside) und bewegt Herz-Qi und –Blut + reguliert und bewegt Leber-Qi:

  • periphere Durchblutungsstörungen (kalte Hände und Füße, Lähmungsgefühle der Beine, Rheuma in kleinen Gelenken aufgrund von mangelnder Durchblutung bzw. Blutstase)
  • psychosomatische Herzreaktionen: Herzrasen (vor allem im Liegen), Herzstechen, innere Unruhe, Zittern der Hände und Engegefühle am Hals, in der Brust beschleunigter Puls, Panikattacken = vgl. Schilddrüsenherz bei Überfunktion, Insomnia, ADHS bei Kindern, Klimakterium: Hitzewallungen, Wochenbett: Depressionen,
  • Dyspnoe und Angina pectoris, speziell bei Frauen
  • Meteorismus mit Herzklopfen und Angstgefühl
  • Atonie der Gebärmutter: beschleunigt Geburt, treibt Nachgeburt aus
  • wirkt spasmolytisch -> Gallenflussstau, PMS

MP/ MAGEN

tonisiert Qi von MP, löst Schleim-Kälte im ME

  • Kälte-Muster des Magens: akute Übelkit, akuter Schmerz im Epigastrium
  • Nässe-Kälte von MP: Verdauungsschwäche, Durchfall, Blähungen (adjuvant)

NIERE/ BLASE

tonisiert Nieren-Qi, leitet Nässe-Kälte aus dem UE:

  • Nässe-, Schleim-Kälte des unteren Erwärmers -> Ödeme, Blase-/ Nierengrieß, Infertilität,

LUNGE

löst Schleim-Kälte im OE auf:

  • Verschleimung der Lunge, Schleim im Rachen, Räusperneiung, Reizhusten

Sehr ausführliche Angaben über die Verwendung von Leonurus sibirica in der chinesischen und mongolischen Medizin bringt auch Hübotter:

Heilt Hitze des Herzens und Frauenkrankheiten, Stockungen des Blutes in Fluß und erzeugt neues Blut.

Scharf, wenig bitter, kalt, dringt es bis zu den Hand- und Fußkommunikationen der Gefäße (die dem Herzbeutel und der Leber entsprechen), bringt Wasser im Körper zum Abfließen und das Blut in Bewegung, beseitigt Stauungen, bringt neues Blut hervor, regelt die Menstruation, hebt die Wirkung von Giften auf. Die Pflanze wirkt heilend auf das Blut bei Eindringen von Wind, bei Ohnmacht infolge Blutverlust, bei Schmerzen, welche das Blut verursacht, bei Blutharnen, bei Schmerzen in der Uterusgegend, bei schwerer Geburt, Menorhagie und Vaginalausfluß. Sie ist eine auf Menstruation und Geburtsverlauf gut wirkende Arznei, sie erweicht Schwären und Blutgeschwulst wirkt befördernd auf Stuhl und Urin, ist eine scharfe, zerteilende Arznei.

Die Pflanze regelt die Menstruation, mehrt das Sperma, macht das Auge klar, belebt das Blut, bringt das Pneuma in das richtige Verhältnis, beseitigt den Wind. Sie ist eine Arznei, welche das Innere in Umlauf bringt und eine unterstützende Heilwirkung hat auf Hitze des Herzens und auf Kopfschmerzen.

Diese Arznei verhilft den Frauen zu Kindern, gleichgültig, ob sie ungeschwängert oder schon geschwängert sind, oder ob sie mit Ausfluß resp. Menorhagie behaftet sind.“

ANWENDUNG

Die oberen Teile werden zur Blütezeit geerntet, anschließend in Bündeln mit Kopf nach unten an der Luft im Schatten getrocknet. Danach wird das Kraut aromageschützt aufbewahrt.

In der traditionellen Medizin wird die Pflanze unter anderem als Bestandteil von Rezepten bei Bauchspeicheldrüsenentzündung, Bulimie oder Ess-Brechsucht, Gebärmuttergeschwülste, verschiedenen Herzbeschwerden, vegetativen Kreislaufstörungen und Wechseljahrsbeschwerden verwendet

Tagesdosis: 1-3 g

  • Tee: 1,5 – 2 TL/ 1/4 l siedendes Wasser, 10’ ziehen lassen, 2 – 3 x tgl. kurmäßig über einen Zeitraum von 3 Wochen -> KI beachten
  • Kaltwasserauszug, Zubereitung wie oben, nur ohne siedendes Wasser -> Beruhigung des Herzens (nach Hirsch)
  • Schlifni: 2(Altersschwäche, Rekonvaleszenz), 5 (Lunge), 21 (Frauen), 26 (Gicht, Rheuma), 27 (Herz), 30 (Lähmungen), 40 (Schilddrüse) 47 (Wechseljahre), 49 (Würmer)
  • Urtinktur (20 g auf 100 ml 20%iger Alkohol: 3 x tgl. 5-10 Tr. (n. Hirsch: 2 x tgl. 1 TL)
  • Homöopathika, Fertigarzneimittl – DHU von Maros, Apotheke zur Kaiserkron, Kattwiga Nahrungsergänzungsmittel
  • Das Kraut lässt sich mit anderen Teedrogen gut kombinieren (Angstzustände, Schlaflosigkeit) – z. B.  mit Weißdorn, Baldrian, Melisse , Heilziest, Passionsblume oder Hopfen
  • als Aromapflanze für Bier
  • Bei Vorliegen einer Schilddrüsenüberfunktion kann ein Tee aus Herzgespann, Melisse, Baldrian und Wolfstrapp versucht werden.
  • Pulver aus getrockneten hb: messerpsitzenweise bei Kropf (n.Hirsch)

Kontraindikationen

  • Schwangerschaft (abtreibend)
  • Herz-Blut-Leere à Zungendiagnose: blasser Zungenkörper, bei schweren Fällen ist Zungenspitze leicht geschwollen
  • Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sind keine Nebenwirkungen zu erwarten.
  • Bei Überdosierung kann es zu Erbrechen, Durstgefühl und Leibschmerzen kommen.
Kategorien: Kräuterwelt