Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen,
Verziertes aber spricht der Menge zu.

Johann Wolfgang von Goethe 

André Karwath aka – Eigenes Werk, via wikimedia commons

Auf keine andere Pflanze trifft dieser Spruch Goethes meiner Meinung nach mehr zu als auf die Vogelmiere/ Hühnermiere/ Hühnerdarm/ Mausdarm. Seit der Jungsteinzeit begleitet die Vogelmiere den Menschen überall – an Wegrändern, im Wald, auf feuchten Böden, im Garten… und fällt uns dabei nicht auf. Wenn man aber die winzigen weißen Blüten unter dem Mikroskop betrachtet, erkennt man ihre Schönheit. Sie ist einfach schön, wie Goethe sagt.

Der Gattungsname Stellaria bezieht sich durch die Blütenform auf stella (lat. Stern). Die Herkunft der deutschen Bezeichnung Miere ist dagegen unbekannt, doch lässt die Bezeichnung Vogelmiere auf die Beliebtheit als Vogelfutter schließen. Die Gartenbesitzer lieben diese einjährige Pflanze – nein! Spaß beiseite – sie gilt bei Gartenbesitzern als Unkraut, weil sie sich besonders üppig auf bearbeiteten Flächen ausbreitet und nach kurzer Zeit einen wunderschönen Teppich bildet. Dabei ist sie ein Labsal für den aufgerissenen, nackten Boden und verhindert die Erosion der Erde, sodass man sie als lebendige Mulchschicht betrachten kann.

Die Vogelmiere ist ein Nelkengewächs und besitzt Samen, die 60 Jahre lang keimfähig sind. Wenn du sie ausrotten möchtest, dann viel Glück dabei. Eine einzige Pflanze bringt jährlich 5 Generationen mit insgesamt 10 bis 20.000 Samen hervor und wenn die Bedingungen durch deine Bemühungen nicht optimal sind, dann wartet sie eben 60 Jahre (-;

Die Stängel der Vogelmiere werden bis zu 40 cm lang und liegen weitgehend auf dem Boden. Dort, wo sie die Erde berühren, bilden sie kleine Zusatzwurzeln. Da die Vogelmiere stickstoffhaltigen Boden mit guter Bewässerung liebt, kann man an ihrer Verbreitung erkennen, ob ein Boden gut gedüngt bzw. humusreich ist. Sie zeigt angeblich auch geomantische Stellen an, über denen der Mensch nicht ruhen sollte. Die Blüten der Vogelmiere entfalten sich bei trockenem Wetter morgens um neun und blühen bis zum Abend. Bei feuchtem Wetter bleiben sie zusammengezogen. Nebenbei: Die Vogelmiere soll auch eine gute Wetterprophetin sein: Wenn die Blüten ganz geöffnet sind, soll es innerhalb von vier Stunden Regen geben. – Ich muss zugeben, dass ich das noch nicht verifiziert habe. Vielleicht machst du ja den Test?

Jacob Sturm; published by Kurt Stüber.,via Wikimedia Commons

So zerbrechlich und zart dieses unscheinbare Unkraut auch aussieht, so unverwüstlich ist seine Lebenskraft. Das schwache Licht der tief stehenden Wintersonne reicht ihr noch immer, um Photosynthese zu betreiben, zu wachsen, um Blüten zu bilden und sogar für die Fortpflanzung zu sorgen. Selbst von Frosttemperaturen lässt sie sich nicht abschrecken und blüht und vermehrt sich sogar unter dem Schnee. Deshalb kann man die Vogelmiere teilweise auch im Winter frisch ernten.

Ernte

Um nicht zu viel Erde mit den Wurzeln auszureißen, schneide das oberirdische Kraut mit der Schere ab. Achtung: Sammle sorgfältig und kontrolliere das Gesammelte in der Küche noch einmal genau durch, weil sich andere Bodendecker einschleichen können.

Verwechslungsgefahr

mit dem leicht giftigen Ackergauchheil. Dieser hat einen 4-kantigen Stängel und ziegelrote, selten blaue Blüten.

Christian Fischer, CC BY-SA 4.0, via wikimedia commons

Heilwirkung

Vogelmiere enthält viel pflanzliches Eiweiß. Mit nur 50 Gramm frischer Vogelmiere kannst du bereits seinen Tagesbedarf an Vitamin C, Eisen und Kalium decken. Zusätzlich enthält sie Provitamin A, Kalzium, Kalium, Magnesium, Zink, Kieselsäure, Flavonoide, Cumarine und Saponine.

Sie wirkt schleimlösend, hustenstillend, verdauungsfördernd und harntreibend. Außerdem erhöht ihr Genuss die Resorption anderer Wirkstoffe. Deshalb wird sie als Tee zur Stoffwechselanregung, bei Hautausschlägen und bei rheumatischen Beschwerden getrunken oder der Aufguss ins Badewasser gegeben.

Durch das in der Vogelmiere enthaltene Aucubin wird das Immunsystem gestärkt und dem vorzeitigen Alterungsprozess entgegengewirkt.
Ein Extrakt der frischen Pflanze wird auch zur Behandlung von Rheumatismus und Gelenkschmerzen verwendet.

TCM

TEMP: kalt

Geschmack: leicht süß, etwas salzig

Organbezug: LU-DI, MA, HE, NI, LE

Eigenschaften: befeuchtend, entzündungshemmend, sedierend, blutreinigend, diuretisch; Hauttherapeutikum; Yin-Therapeutikum

Kontraindikationen: bei Kälte- und Nässezuständen; Nierenkranke sollten wegen der enthaltenen Saponine nicht zu hoch dosieren.

Anwendung innerlich

Yinmangel
  • nährt das Yin: trockener Husten, Müdigkeit, Erschöpfung, Unruhe, Obstipation, starker Durst
  • nährt das Blut: Anämie, Blässe
Hitze
  • Hautkrankheiten (durch Leere-Hitze verursachter Herpes Simplex, Anke, Furunkel, Psoriasis – innerlich und äußerlich)
  • Augen: Konjunktivitis
  • Leber: Hepatitis
  • Rheuma
  • Halsentzündung, Angina
  • Magen: Geschwür
  • Niere: regt Diurese an

Anwendung äußerlich

kühlend und entzündungshemmend als Brei, Kompressen, Salbenumschlag

  • blutende Hämorrhoiden
  • infizierte Wunden
  • Konjunktivitis (Augenbad)
  • Psoriasis, entzündete, juckende Hautkrankheiten
  • Hepatitis (Leberkompresse)
  • Gicht, entzündete Gelenke (Rheuma)

Wer braucht die Vogelmiere?

Der Mensch ist: hager, trocken, blass, eher verschlossen, selbstgenügsam, wenig kontaktfreudig. Die Vogelmiere nährt und befeuchtet das Lungengewebe und verstärkt die Fäden der Bindung zu den anderen Menschen. Sie steht für Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit, Mut und Selbstvertrauen.

TIPP: Zur Förderung dieser Eigenschaften auf feinstofflicher Ebene eignet sich die Vogelmiere-Blütenessenz. Sie hilft Menschen,

  • die zu Verzagtheit neigen
  • die kurz vor dem Aufgeben stehen oder bereits aufgegeben haben
  • die sich harter Kritik ausgesetzt sehen oder gemobbt werden
  • die an sich selber zweifeln und sich klein fühlen
  • die mehr Durchhaltevermögen brauchen

Herstellung der Blütenessenz

Fülle eine kleine Glasschüssel mit Wasser (wenn möglich Quellwasser) und geh dann zu der Stelle, an dem deine Wunschblüten wachsen. Dort stell die Schüssel hin, bedecke die Wasseroberfläche mit den Blüten und lass sie an in der vollen Sonne etwa drei Stunden lang ziehen.

Danach trag die Blüten ab und filtere diese Mutteressenz in ein Fläschchen (wenn möglich dunkles Glas verwenden), bis es halb voll ist. Den Rest fülle mit 30% Alkohol, Brandy oder Obstessig auf, um die Blütenessenz zu konservieren.

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