Die Hirten und Viehmeister brauchen das Lungenkraut oder Lungenwurz gepulvert, mit Salz vermischt, geben solche Arznei dem Rindviehe wider das Keuchen und Husten.

aus dem Kräuterbuch von Pietro Andrea Mattioli, 1563

Die Blaue Schlüsselblume

Wenn du so wie ich an einem schönen warmen Vorfrühlingstag einen Spaziergang in einem lichten Laubwald machst, dann kann es sein, dass dir die eine oder andere rot-violett-blaue Blüte begegnet, die in ihrem Aussehen stark an die Schlüsselblume erinnert und an der sich Bienen und Hummeln schon fleißig bedienen. Dabei dient ihnen die Farbe als Orientierung. Rot bedeutet: Der Zellsaft ist noch sauer, es ist noch Nektar vorhanden, die blaue Blüte zeigt an: Da waren wir schon. Der Zellsaft wird durch die Bestäubung alkalisch und dadurch ändert sich die Farbe. Das kannst du selbst nachprüfen, wenn du möchtest: Leg eine blaue Blüte auf einen Ameisenhaufen – sie wird durch die Säure wieder rosa.

Die Rede ist vom Gefleckten Lungenkraut, das die Hirten nicht nur trockneten und mit Salz vermischt ihren hustenden Schafen und Rindern zu trinken gaben, sondern sie verbrannten die Pflanze auch zu Asche und machten daraus eine Lauge, mit der sie die Wunden und Geschwüre ihrer Tiere auswuschen.

Wie das Lungenkraut zu seinem Namen kam

Der Name Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) ist vom lateinischen Wort pulmo – Lunge – abgeleitet. Als es noch keine Chemielabore gab, wo man die Wirkstoffe von Pflanzen untersuchen konnte, beobachtete der Mensch die Tiere und orientierte sich am äußeren Erscheinungsbild einer Pflanze, um Rückschlüsse auf die Anwendungsbereiche und Organbezüge zu ziehen. Die Form der Blätter des Lungenkrauts erinnert an Lungenflügel. Die weißen Flecken lassen auf die Alveolen der Lunge schließen und die roten und blauen Blüten können mit dem venösen und arteriellen Blut in Verbindung gebracht werden. Nach der Signaturenlehre des Paracelsus weisen diese Merkmale auf eine Wirkung bei Lungenleiden hin.

Neben Volksnamen wie Hänsel und Gretel, Fleckenblume oder Blaue Schlüsselblume, die sich auf das Aussehen der Pflanze beziehen, weist der Name Unserer lieben Frauen Milchkraut auch darauf hin, dass die Pflanze für ihre Heilkraft geschätzt wurde. Er geht auf die Legende zurück, dass beim Stillen des Jesuskindes Milch auf die Blätter der Pflanze getropft sei. Die Bezeichnungen Hirschkohl oder Hirschmanngold wiederum gehen darauf zurück, dass man Hirsche dabei beobachtete, wie sie im Frühjahr nach den Blättern und Blüten der Pflanze suchen und sie fressen.

Anscheinend ist sie also nicht giftig, obwohl in der Schulmedizin die Heilwirkung des Echten Lungenkrauts heute umstritten ist und einige Quellen (vgl. I.Schlifni) davon sprechen, dass sie leicht giftig, hautreizend, fototoxisch, brecherregend und/oder allergen sei. Chevallier (1) sowie Hiller und Melzig (2) behaupten dagegen, dass das Echte Lungenkraut im Gegensatz zu anderen verwandten Raublattgewächsen wie Borretsch, Beinwell oder Natternkopf keine Pyrrolizidinalkaloide (=böse für die Leber) enthalte.

Was die Pflanze dagegen sicher enthält sind Schleimstoffe, Saponine und Kieselsäure, die einen positiven Einfluss auf das Bindegewebe haben und reizlindernd auf die Schleimhäute wirken. Der traditionelle Einsatzbereich des Lungenkrauts reicht von allen Katarrhen der Luftwege, Reizhusten, Husten mit viel Schleimauswurf, grippalen Infekten, Lungenentzündung, chronischer Bronchitis bis hin zu Lungentuberkulose, die früher auch in Mitteleuropa eine verbreitete Plage war. Außerdem wirkt das Lungenkraut lindernd auf Darmentzündungen und Durchfall.

Äußerlich angewandt hat es gewisse wundheilende Fähigkeiten, die sich vor allem durch den Allantoin-Gehalt und die enthaltenen Gerbstoffe erklären. Das Allantoin ist auch der Hauptwirkstoff des Beinwells, sodass man das Lungenkraut ähnlich anwenden kann wie den Beinwell.

Ein bisschen Botanik muss sein

Die Pflanzengattung der Lungenkräuter (Pulmonaria) umfasst etwa 14 bis 20 Arten und gehört zur Familie der Raublattgewächse oder Boraginaceae. Neben dem Gefleckten Lungenkraut kommen bei uns vor allem auch das dunkle Lungenkraut (Pulmonaria obscura) und das weiche Lungenkraut (Pulmonaria mollis) vor, die beide aber nicht heilkräftig sind.

Das Lungenkraut ist eine 15 bis 40 cm hohe krautige, ausdauernde, mehrjährige Pflanze. Der Wurzelstock (das Rhizom) verläuft waagerecht und hat ein dünnes und astiges Aussehen, mit dem die Pflanze in einer bodennahen Blattrosette überwintert. Die Rosettenblätter sind am Grund herzförmig oder abgerundet und haben einen Stiel. Im Gegensatz dazu sitzen die Blätter auf dem Stängel, d.h. sie haben keinen Stiel, und die Blattoberseite ist mit winzigen Borstenhaaren aufgeraut.

Die Blüten sind fünfzählig und erinnern in der Form an die Blüten der Schlüsselblume. Sie ist jedoch nicht mit der Primel verwandt. Die Kelchblätter sind mindestens bis zur Hälfte ihrer Länge miteinander verwachsen. Die Kronröhre, die innen Haarbüschel besitzt, ist ca. einen Zentimeter lang, sodass nur Insekten mit langem Rüssel (Bienenverwandte, Schmetterlinge) zum Nektar gelangen.

Übrigens sagt man, dass Imker ihre Bienenstöcke in der Nähe von Lungenkraut aufstellen sollten, weil dann der Honig besonders wohlschmeckend werde.

Wann was sammeln?

Man schneidet das blühende Kraut (März bis Ende Mai) oder die jungen weißgefleckten Grundblätter im Frühjahr. Das oberhalb des Erdbodens abgeschnittene Sammelgut wird sofort nach dem Sammeln (nicht drücken!) locker in einer dünnen Schicht ausgebreitet und getrocknet (nicht über 40 Grad!). Die Blätter werden schwarz.

Verwechslungsgefahr

besteht grundsätzlich mit anderen Lungenkräutern.

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann schau hier:

Was sagt die TCM?

Nach Ploberger (3) wirkt das Lungenkraut süß und kühl im Organkreis Lunge/ Dickdarm. Es tonisiert das Lungen-Yin, was den westlichen Krankheitsbildern von trockenem Husten, Pseudokrupp oder TBC entspricht. Gut kombiniert kann es hier mit Eibisch, Huflattich, Alant, Vogelmiere, Königskerze, Ackerveilchen, Salomonsiegel oder Schachtelhalm werden. Wenn Infekte der oberen Luftwege immer wieder kommen, spricht man vom pathogenen Restfaktor in der Lunge. Hier eignen sich zusätzlich zum Beispiel Thuja, Sonnenhut und Schafgarbe.

Da es Blut-Hitze und Blutungen stoppt, eignet es sich auch bei Hämorrhoiden, und seine beruhigende Wirkung auf das Herz-Feuer macht seinen Einsatz bei Unruhe und Herzstolpern sinnvoll – zusammen mit beispielsweise Weißdorn, Rose, Melisse, Passionsblume, Lavendel und Hopfen.

Anwendungen

Es taugt nicht viel zum Nutzen der Menschen. Aber der Mensch, dessen Lunge aufgeblasen ist, sodass er hustet und nur mühsam atmet, der koche Lungenwurz in Wein und trinke dies oft nüchtern, und er wird geheilt.

Hildegard von Bingen

Tee

Die Hauptanwendungsart für das Lungenkraut ist der Tee. Dabei wäre es wichtig – wie bei allen Pflanzen, die Kieselsäure enthalten-, den Tee ein paar Stunden lang kalt anzusetzen. Danach lässt man ihn 10 Minuten köcheln, damit die Kieselsäure , die ja die Elastizität des Lungengewebes verbessert, optimal gelöst werden kann. Drei Tassen pro Tag, 3–max.6 Wochen lang. Pause.

Wenn man das Lungenkraut zusammen mit anderen Kräutern als Mischtee verwendet, ist der Kaltansatz natürlich nicht möglich.

Rezept 1: Ein Mischtee bei Lungen-und Bronchialleiden von Eva Marbach wäre zum Beispiel: 100 g Lungenkraut, 100 g Spitzwegerichblätter, 50 g Brennnesselblätter und 50 g Zinnkraut.

Rezept 2: Eine andere Mischung, die den Schleim erweicht, löst und dann auch den Auswurf fördert wäre (nach Siegrid Hirsch) : zu gleichen Teilen Lungenkraut, Eibischwurzeln, Huflattichblüten, Isländisch Moos. 2 TL Kraut mit 1/4 l kochendem Wasser überbrühen, 10 Min ziehen lassen. 3 Tassen pro Tag. Allerdings ist es hier ratsam, eher niedrig zu dosieren, um eventuelle Nebenwirkungen gering zu halten.

Rezept 3 ist ein Rezept von F.Ploberger, um eine Lungen-Yin Schwäche (trockener Reizhusten) auszugleichen. Es ist auch für Kinder geeignet. 7 g Lungenkraut, 6 g Eibischwurzel, 3 g Süßholz, 7 g Isländisch Moos, 4 g Käsepappel. Mit heißem Wasser übergießen, 5 Minuten ziehen lassen.

Den Lungenkraut-Tee kann man zur Wundheilung auch äußerlich für Umschläge, Bäder und Waschungen verwenden. Innerlich könnte eine Mischung mit Ehrenpreis die Wundheilung unterstützen.

Pulver

Getrocknetes Lungenkraut kann man zu Pulver zerreiben und als Wundpuder benutzen. Das Pulver wurde früher auch als Kräutertabak benutzt.

Wenn man keinen Tee mag, kann man einen Esslöffel von diesem Pulver in einer Tasse lauwarmer Milch verrühren und in kleinen Schlucken trinken.

Lungenkrautwein

Auch heute noch verwendet die Naturmedizin das Lungenkraut gerne als Wein. Dabei kocht man 2 Büschel frisches Kraut 5 Minuten in Weißwein auf, süßt mit Honig, schäumt das Getränk ab und füllt es heiß in kleine Fläschchen ab. Es empfiehlt sich, vor dem Essen jeweils ein Likörglas zu trinken. Bis zu 2 Monate lang.

Bei „Lungenrasseln“, Atemnot, Husten, Verschleimung der Lunge, Lungenödem.

Nach Hildegard von Bingen wird der Lungenkraut-Trank bei Beschwerden der Lungen angewendet. Wichtig ist dabei, dass der Betroffene dabei auch hustet. Ergänzend rät Hildegard, das Wermut-Hautöl sanft einzumassieren oder die Lorbeerfrucht anzuwenden.

Tinktur

Eine Handvoll getrockneter, zerkleinerter Blätter in ein Glas füllen, mit hochprozentigem Alkohol bedecken. Mindestens 6 Wochen an einen warmen Ort stellen und gelegentlich schütteln. Wenn du eine Essenz aus frischen Pflanzen machst, dann reichen 3 Wochen Auszugszeit.

Küche

Lungenkraut ist kein klassisches Küchenkraut und wird meist nur von Kräuterkennern verzehrt. In kleinen Mengen können Lungenkrautblätter und -blüten frisch über Salate gestreut oder zum Würzen von Kartoffel- oder Frühlingssuppen verwendet werden. Möglich ist auch eine Zubereitung der jungen Blätter in Gemüsegerichten oder ähnlich wie Spinat, wobei hier eher die älteren Blätter verwendet werden. Eventuell kombiniert man dazu das Lungenkraut mit dem Giersch. Und wie man hört, ist es in der Volksheilkunde auch üblich, die jungen Blätter als Presssaft zu trinken.

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten: Die einen meinen, das Lungenkraut schmecke leicht bitter, kohlartig und mild, die anderen beschreiben es als gurkenähnlich. Ich denke, man kann nicht fehlgehen, wenn man ihn interessant nennt. (-;

Zum Abschluss noch ein Oster-TIPP für alle Besitzer*innen von glücklichen Hühnern: Die Früchte des Lungenkrauts sind anscheinend ein gutes Hühnerfutter und regen die Eiproduktion an. (-:

(1) Chevallier A (2000) Die Enzyklopädie der Heilpflanzen. BVL, München

(2) Hiller K, Melzig M (2006) Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. Area, Erftstadt

(3) Ploberger F (2011) Das große Buch der Westlichen Kräuter aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin. BACOPA, Schiedlberg

Kategorien: Kräuterwelt