{"id":12505,"date":"2023-06-30T11:32:33","date_gmt":"2023-06-30T09:32:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lernschritte.at\/?p=12505"},"modified":"2024-01-19T21:05:23","modified_gmt":"2024-01-19T20:05:23","slug":"aufwachen-luege-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lernschritte.at\/?p=12505","title":{"rendered":"Aufwachen: L\u00fcge &#8211; Wahrheit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kindern erz\u00e4hlt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen, damit sie  aufwachen. <\/em>(Jorge Bucay)<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>\u00bbIch gehe einen einsamen Weg. Ich genie\u00dfe die frische Luft, die Sonne, die V\u00f6gel und das gute Gef\u00fchl, dass mich meine F\u00fc\u00dfe dahin tragen, wohin sie wollen.<\/em><\/p><p><em>Am Wegesrand liegt ein schlafender Sklave. Ich trete an ihn heran und bemerke, dass er tr\u00e4umt. Aus seinen Worten und Gesten schlie\u00dfe ich \u2026 dass ich wei\u00df, was er tr\u00e4umt: Der Sklave tr\u00e4umt davon, frei zu sein.<\/em><\/p><p><em>Sein Gesicht spiegelt Ruhe und Frieden. Ich frage mich: Soll ich ihn wecken und ihm zeigen, dass es nur ein Traum ist, damit er wei\u00df, dass er immer noch Sklave ist? Oder soll ich ihn schlafen lassen, solang er kann, und ihn \u2013 wenn auch nur im Traum \u2013 seine imaginierte Realit\u00e4t genie\u00dfen lassen?\u00ab<\/em><\/p><cite>Jorge Bucay: Komm, ich erz\u00e4hl dir eine Geschichte, Fischer, 21.Aufl. 2022, S.224<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tr\u00e4umen oder aufwachen? Auf diese Frage muss jeder Mensch seine eigene Antwort finden, und zwar immer wieder, im t\u00e4glichen Leben. Denn f\u00fcr den Gro\u00dfteil von uns gibt es nicht DAS Aufwachen, sondern immer wieder EIN Aufwachen. EIN kleines Durchschauen des Schleiers, EIN weiteres St\u00fcck Selbsterkenntnis, EIN St\u00fcck gr\u00f6\u00dferer Selbstverantwortung, EIN weiterer Schritt auf dem Weg, erwachsen zu werden. Ein verantwortungsvoller erwachsener Mensch zu werden, ist ein Entwicklungsprozess.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Warum l\u00fcgen wir?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die meisten Menschen l\u00fcgen, weil sie eben diesen Entwicklungsprozess nicht machen wollen, das nennt man dann Neurose. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Der L\u00fcgner f\u00fcrchtet sich nicht vor dem Urteil der anderen und auch nicht vor der Strafe, die auf dieses Urteil folgt. Der L\u00fcgner hat sich schon selbst verurteilt und bestraft. (&#8230;) Wer l\u00fcgt, versteckt sich vor seinem eigenen Urteil, seiner eigenen Bestrafung und seiner eigenen Verantwortung.<\/p><cite>ebd, S.217<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tief im Inneren wei\u00df der Mensch &#8211; mehr oder weniger, wenn er l\u00fcgt, denn als Kind hat er ja gelernt: Du sollst nicht l\u00fcgen. Dabei ist es interessant, dass wir unseren Kindern zwar sagen, dass sie nicht l\u00fcgen sollen, aber &#8211; Hand aufs Herz &#8211; bringen wir Eltern, Lehrer, Religionsf\u00fchrer, Politiker, Medien&#8230; &#8211; bringen wir unseren Kindern wirklich bei, NICHT zu l\u00fcgen?<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Gerade hat man das Kind bei einer L\u00fcge ertappt. Der Vater, ein moderner, aufgeschlossener Mensch, wei\u00df, dass diese konkrete L\u00fcge eigentlich v\u00f6llig belanglos ist, aber es geht um den Gedanken der L\u00fcge an sich. Der Vater l\u00e4sst also das, was er gerade tut, stehen und liegen und setzt sich mit seinem Kind hin, um ihm in ernsten Worten zu erkl\u00e4ren, warum man immer die Wahrheit sagen soll, was auch passiere, komme auch, was da wo&#8230;<\/p><p>Das Telefon klingelt. Das Kind, das Pluspunkte sammeln will, sagt: &#8222;Ich geh schon&#8220; und l\u00e4uft los, um das Telefon anzunehmen. Kurz darauf kommt es zur\u00fcck. &#8222;Es ist der Versicherungsvertreter, Papa.&#8220; <\/p><p>&#8222;Ach, ausgerechnet jetzt? Sag ihm, dass ich nicht da bin.&#8220;<\/p><cite>ebd., S.227<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahrheit ist also <em>relativ, subjektiv, ver\u00e4nderlich und ausschnitthaft<\/em>. Und wir alle dehnen sie, vor allem, wenn wir EINE EINZIGE Geschichte erz\u00e4hlen. Die Wahrheit an sich k\u00f6nnen wir nur erfassen, wenn wir wirklich aufgewacht sind &#8211; wie Jesus, Buddha&#8230; Auf dem Weg dorthin k\u00f6nnen wir uns ihr nur ann\u00e4hern, indem wir versuchen VIELE Geschichten zu erz\u00e4hlen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber was sind die Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass wir l\u00fcgen &#8211; auch wenn wir eigentlich vorhaben, aufzuwachen und uns zu einem bewussten Menschen zu entwickeln? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die zwei Hauptmotive, warum Menschen lieber andere und sich selbst bel\u00fcgen und sich damit selbst bestrafen, nennt Bucay: Macht und Angst. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Macht<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Menschen l\u00fcgen, weil sie sich klein und ohnm\u00e4chtig f\u00fchlen. Sie w\u00e4ren gerne gr\u00f6\u00dfer, selbstbewusster, einflussreicher, sie h\u00e4tten gerne Macht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es war einmal eine sch\u00e4bige, kleine Spelunke in einem der lebendigsten Viertel der Stadt. In einer Ecke h\u00e4mmerte ein betrunkener Klavierspieler einen langweiligen Blues. Pl\u00f6tzlich wurde die T\u00fcr aufgetreten. Der Klavierspieler unterbrach sein Spiel und alle Blicke richteten sich auf einen muskelbepackten, \u00fcber und \u00fcber t\u00e4towierten Riesen. &#8222;Wer von euch ist Peter?&#8220;, dr\u00f6hnte es donnernd durch den Raum. Beklemmende Stille. Mit einem Satz schnappte sich der Riese einen Sessel und warf ihn mit voller Wucht gegen einen Spiegel und unterstrich damit eindrucksvoll seine Frage: &#8222;Wer ist Peter?&#8220;<\/p><p>Da erhob sich lautlos ein kleines, bebrilltes M\u00e4nnlein, ging auf den Riesen zu und fl\u00fcsterte mit kaum wahrnehmbarer Stimme: &#8222;Ich, ich bin Peter!&#8220;<\/p><p>&#8222;Sieh mal an, du bist also Peter! Ich bin Jack, du verdammter Hurensohn!&#8220;<\/p><p>Was folgte, war ein Gemetzel. Mit einer einzigen Hand hob der Riese das M\u00e4nnlein in die Luft und schmetterte es gegen den anderen Spiegel. Anschlie\u00dfend verpr\u00fcgelte er das M\u00e4nnlein, dass ihm fast der Kopf wegflog, bis es schlie\u00dflich mehr tot als lebendig am Boden lag. Mit den Worten &#8222;Merkt euch das: Niemand macht sich \u00fcber Jack lustig!&#8220;, verlie\u00df der Riese den Raum.<\/p><p>Hilfsbereit setzten zwei M\u00e4nner Peter auf, fl\u00f6\u00dften ihm Whiskey ein und wischten ihm das Blut aus dem Gesicht. Da begann Peter zu lachen, erst leise, dann immer lauter, wobei er das Gesicht vor Schmerz verzog, weil einige Rippen gebrochen waren. &#8222;Dem hab ich&#8217;s aber gezeigt? Habt ihr&#8217;s alle gesehen? Dem hab ich&#8217;s gezeigt!&#8220;, lachte er laut. <\/p><p>Die Barbesucher sch\u00fcttelten ungl\u00e4ubig den Kopf: &#8222;Was hast du ihm gezeigt, wann?&#8220; <\/p><p>&#8222;Ihr versteht wohl gar nichts. Gerade eben hab ich&#8217;s dem Idioten gegeben. Ihr habt&#8217;s doch alle gesehen. Ich&#8230;ha..ha&#8230;ha&#8230;! ich bin gar nicht Peter!&#8220;<\/p><cite>nach: Jorge Bucay: Komm, ich erz\u00e4hl dir eine Geschichte, Fischer, 21.Aufl. 2022, 221<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem dabei ist, dass uns nat\u00fcrlich allen klar ist, dass Peter sich seine Verletzungen selbst zugezogen hat. \u00c4u\u00dfere, k\u00f6rperliche Verletzungen sehen wir, aber wie steht&#8217;s mit den inneren, unsichtbaren, ganz abgesehen von den verpassten Wachstumschancen??<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Angst<\/h4>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es war einmal ein Mann in einem Dorf, der hatte eine seltene Augenkrankheit. Der Mann war w\u00e4hrend seiner letzten drei\u00dfig Jahre blind gewesen. Eines Tages kam ein ber\u00fchmter Arzt ins Dorf, dem man seinen Fall vorlegte. Der Doktor versicherte, dass der Mann mit einer Operation sein Augenlicht wieder zur\u00fcckgewinnen k\u00f6nne. Seine Frau, die sich alt und h\u00e4sslich fand, war dagegen.<\/p><cite>ebd., S.229<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen l\u00fcgen, weil sie Angst vor Ver\u00e4nderung haben. Sie haben Angst, nicht mehr geliebt zu werden, nicht mehr wichtig zu sein. Angst vor Ver\u00e4nderung zu haben bedeutet letztlich, kein Vertrauen ins Leben zu haben, nicht mehr MIT dem Fluss des Lebens zu schwimmen, sondern zu versuchen stehen zu bleiben, den Status Quo zu erhalten. Der Schrecken, den wir kennen, ist uns allemal lieber als das unbekannte Paradies.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Auf dem Besuch in einer kleinen Stadt kam ein Mann an einem kleinen Laden vorbei. Hinter einer dunklen Fensterscheibe sah er eine leere Auslage, was ihn bewog n\u00e4herzutreten. Drinnen sah er nichts als einen Notenst\u00e4nder und darauf eine kleine Tafel mit der Aufschrift: <em>Wahrheitsladen<\/em>.<\/p><p>Neugierig betrat er den Laden und sah sich suchend um. Hinter dem Tresen l\u00e4chelte ihn eine freundliche Verk\u00e4uferin an: &#8222;Was suchen Sie, mein Herr? Welche Wahrheit kann ich Ihnen anbieten: die halbe Wahrheit, die relative Wahrheit, die statistische Wahrheit oder die ganze Wahrheit?&#8220;<\/p><p>Ohne zu z\u00f6gern, antwortete der Mann: &#8222;Die ganze Wahrheit. Ich bin all die L\u00fcgen und Falschheiten leid. Ich habe die Verallgemeinerungen und Rechtfertigungen satt, die T\u00e4uschungen und den Betrug.&#8220;<\/p><p>&#8222;Gut&#8220;, sagte die Verk\u00e4uferin, &#8222;wenn Sie sie gleich mitnehmen, dann ist der Preis f\u00fcr die ganze Wahrheit, dass Sie nie mehr in Frieden leben werden.&#8220; <\/p><p>Da lief dem Mann ein Schauer \u00fcber den R\u00fccken, denn er hatte nicht erwartet, dass die reine Wahrheit so viel kosten k\u00f6nnte. &#8222;O&#8220;, stotterte er, &#8222;vielen Dank&#8230;entschuldigen Sie&#8230;&#8220;, er machte kehrt und verlie\u00df das Gesch\u00e4ft.<\/p><p>Er war ein bisschen traurig, als ihm bewusst wurde, dass er immer noch nicht bereit war f\u00fcr die absolute Wahrheit, dass er immer noch ein paar L\u00fcgen brauchte, bei denen er sich erholen konnte, ein paar Mythen und Sch\u00f6nf\u00e4rbereien, in die er sich fl\u00fcchten konnte, ein paar Ausreden, um sich nicht mit sich selbst konfrontieren zu m\u00fcssen&#8230; <\/p><p>&#8222;Vielleicht ein andermal&#8220;, dachte er.<\/p><cite>nach: Jorge Bucay: Komm, ich erz\u00e4hl dir eine Geschichte, Fischer, 21.Aufl. 2022, 257<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Weg dorthin helfen mir Geschichten, Geschichten wie die des Gestalttherapeuten Jorge Bucay. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lernschritte.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/IMG_2643.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12506\" width=\"471\" height=\"545\" srcset=\"https:\/\/www.lernschritte.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/IMG_2643.jpg 700w, https:\/\/www.lernschritte.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/IMG_2643-259x300.jpg 259w\" sizes=\"auto, (max-width: 471px) 100vw, 471px\" \/><\/figure>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kindern erz\u00e4hlt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen, damit sie aufwachen. 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