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„Tatsächlich trat sie eher als Tante denn als Schriftstellerin in Erscheinung und man wünschte, es wären in ihrem Leben ein paar Neffen und Nichten weniger und ein paar Romane mehr erschienen“

Elsemarie Maletzke in Jane Austen

Jane Austen und was sie uns über Resilienz lehren kann

Wenn man Jane Austen hört, dann hat man unwillkürlich eine ihrer vielen Romanverfilmungen im Kopf und denkt an Liebe, Schmerz – Männer würden sagen: romantische Flucht. Aber das ist viel zu kurz gegriffen, denn im Kern haben ihre Geschichten viel über Ausdauer und Lebensmut zu sagen – und es macht sie auch heute für diese schwierige Zeit der Pandemie zur perfekten Lektüre.

Aber warum sollten gerade ihre Romane sich dafür eignen? Auf einer oberflächlichen Ebene eröffnen sie den frustrierten Zeitgenossen sicherlich die erwähnte romantische Fluchtmöglichkeit in eine Welt, in der am Ende alles gut ausgeht. Aber wenn du ihre Geschichten genau liest, wirst du feststellen, dass Austen viele und unerwartetere Tröstungen bietet. Abgesehen von ihrer Beschäftigung mit Liebe und Romantik gibt es in ihren Büchern eine Schicht Stahl und Widerstandsfähigkeit, die uns inspirieren könnte, wenn wir sie nur durch genaues, langsames Lesen erkennen würden.

Diese Widerstandsfähigkeit, dieses Durchhaltevermögen – heute Resilienz genannt – zeigt sich auch in Austens Leben. Sie veröffentlicht ihre sechs berühmten Romane innerhalb von sieben Jahren und stirbt im Alter von nur 41 Jahren. Zweimal wird sie ins Internat geschickt, beim ersten Mal bekommt die ganze Schule Typhus und sie selbst stirbt beinahe. Ihre Tante, die kommt, um sie zu pflegen, stirbt, und danach wird sie gleich wieder ins Internat geschickt. Man kann sich kaum vorstellen, was da psychisch in dem Kind passiert sein muss.

Und dieser Zustand, dieses Gefühl der Unsicherheit und Instabilität, unter dem Austen einen Großteil ihres Lebens leidet, zeigt sich in vielen ihrer Heldinnen. Vertreibung und das Zerbrechen des Familienlebens ziehen sich durch einen Großteil ihrer Romane. Sinn und Sinnlichkeit beispielsweise beginnt, als die Dashwood-Schwestern und ihre Mutter ihr Familienheim verlassen müssen. Austen geht in ihren Romanen auch sehr, sehr achtsam und präzise mit Geld um, weil sie persönlich erlebt, wie finanzielle Unsicherheit aussieht.

Auch der Weg bis zur Veröffentlichung ihrer Romane kann als eine Lektion in Resilienz angesehen werden. Er beginnt mit Ablehnungen und Fehlstarts und Austen muss über zehn Jahre warten, bis ihr erster Roman Stolz und Vorurteil endlich veröffentlicht wird. Auch Austens Heldinnen müssen ähnlich oft und manchmal jahrelang leiden , wenn auch stoischer und leise, weil sie glauben, dass ihre Chance auf Glück für immer verloren ist. Selbstmitleid ist bei ihren Heldinnen keine Option.

Schlüsselmoment

Ein Schlüsselmoment in den meisten Romanen ist der Moment, in dem die Heldin merkt, dass sie sich in Bezug auf eine andere Figur geirrt hat.

Dr. Gillian Dow

Dieses emotionale Wachstum ist eine weitere Facette der Figuren Austens, die uns in einer Zeit der Unsicherheit inspirieren kann, wenn wir vielleicht neu bewerten (müssen), worauf es wirklich ankommt.

Panta rhei. Das Leben ist ein ständiger Prozess der Anpassung an Herausforderungen und des Akzeptierens und Lernens aus den eigenen Fehlern. Das müssen viele von Austens Figuren lernen: Neben der materiellen Unsicherheit hinsichtlich Geld und Status kämpfen sie oft mit Gefühlen von Scham und Schuld über ihre früheren Handlungen, bevor sie daraus lernen und durch die Erfahrung verändert werden.

Diese emotionale Transformation empfinden wir als Leser wohl auch deshalb so schmerzhaft, weil Austen eine besondere Art der Erzählung verwendet. Sie schreibt auf sehr freie Weise in der ersten und dritten Person. Dadurch leben wir quasi im Kopf der Charaktere (Ich) und teilen gleichzeitig auch das Wissen, das der Erzähler (Er) uns preisgibt, dass nämlich die Überzeugungen und Ansichten der Figuren oft falsch sind. Wir sind also als Leser gleichzeitig in und außerhalb der Charaktere, erleben direkt ihre Gefühle, kennen ihre Gedanken und Motive und wissen gleichzeitig, dass sie gerade einen Fehler machen. Es ist ein Stil, der ein besonders intimes Leseerlebnis ermöglicht und uns gleichzeitig entspannt und tröstet.

Austen auf Rezept

Aufgrund dieser tröstenden Wirkung der Romane Austens wurden sie sogar den Soldaten des Ersten Weltkriegs verschrieben, die unter schwerem Granatenschock oder heute PTBS litten. (Martin Jarrett-Kerr: The Mission of English Lit to the Times Literary Supplement from 1984) Eine berühmte Persönlichkeit, der die Lektüre von Austen in Kriegszeiten ebenfalls Trost spendete, war der bettlägerige Winston Churchill, der sich während seiner Krankheit (1943) von seiner Tochter Stolz und Vorurteil vorlesen ließ.

Ein weiterer Aspekt, der dazu beiträgt, dass Austens Romane so beruhigend wirken, ist möglicherweise die Zeitachse, die sie verwenden. In einem Kalenderjahr wird die Sonne schwächer, gelangt an den tiefsten Punkt, um wieder zurückzukehren und voll zu erstrahlen. Das könnte unterbewusst symbolisieren: Das Leben ist ein Kreis, es wird besser. Lady Russell in Überredung sagt: „Die Zeit wird es weisen„.

Austen fordert uns einerseits heraus, uns den dunklen und einsamen Aspekten des Lebens zu stellen und tröstet uns gleichzeitig, indem ihre Figuren uns zeigen, wie wir den Herausforderungen des Lebens begegnen sollten: mit Leichtigkeit, Akzeptanz, Gleichmut und Humor.

Möchtest du einen Ausschnitt lesen? Dann schau hier: Überredung