Eine seltsame Macht scheint von diesem Erfundenen auszugehen; auf verschlungene Art und Weise berührt uns oft, was sich Autorinnen und Autoren ausgedacht haben, und verbindet sich mit unserem Leben, ohne dass wir genau zu sagen wüssten, wie und weshalb. (Rainer Moritz: Die Überlebensbibliothek)

LebensSpuren – An Worten wachsen

Es geht ums Lesen. Aber in Wirklichkeit geht es ums Hören, Zuhören, In-Mich-Hineinhören. Nachspüren. Was geschieht beim Lesen mit mir, was für Gefühle, Gedanken, Bilder weckt die Geschichte, der Textauszug, das Gedicht in mir?

Es geht um Literatur. Aber in Wirklichkeit geht es um mich. Um uns. Im gemeinsamen Lesen und Teilen unserer Gedanken erleben wir die Vielschichtigkeit großer Literatur. Verschiedene Deutungen erhöhen die Auswahl an Be-Deutungen. Ja, so kann man das auch sehen!

Es geht ums Leben. Ums Lachen und Weinen, ums Zweifeln und Hadern, ums Lieben und Hassen, ums Verzweifeln und Hoffen… um den Weg – ums Hier und Jetzt. Gemeinsam.

Lesen in der Gruppe

In einer Gruppe für Gemeinsames Lesen befassen wir uns jede Woche mit einer literarischen Kurzgeschichte und einem Gedicht. Wir lesen uns die Texte laut vor, denn das laute Lesen öffnet einen anderen, intensiveren Zugang zur Sprache, zu Gedanken und Gefühlen. Es geht also  nicht darum, etwas über den Autor zu erfahren, einen Text zu analysieren oder in einen Literaturdiskurs zu treten. Es geht um die Worte. Wir lassen die Worte  auf uns wirken. Immer wieder halten wir inne und reden über das, was wir gerade gelesen haben. Wir sprechen über unsere Gedanken und tauschen uns aus. Niemand muss etwas vorlesen oder etwas sagen, wenn er/sie nicht möchte. Das Motto ist: Zuhören und Dazu-gehören. 

Lesen daheim

Poesie ist nicht für jeden einfach. Lies laut. Vor allem Gedichte. Du wirst bemerken, dass du dadurch eine andere, vielschichtigere und tiefere Verbindung zu den Worten aufbaust. In der Gruppe lesen wir ein Gedicht einige Male laut vor, wir nehmen uns Zeit, den Klang, die Musik im Gedicht zu hören. Probier es zuhause selbst aus und schau, ob es dir hilft, dich in die Worte hinein zu fühlen, auch wenn du dir immer noch nicht sicher bist, worum es geht.
Wir suchen keine Antwort oder versuchen herauszufinden, was die Person, die schreibt, möglicherweise gemeint hat, als sie das Gedicht geschrieben hat. Wir wollen nur sehen, ob beim Lesen Gefühle oder Ideen auftauchen – und oft stellen wir fest: Je mehr Zeit wir uns geben, einfach mit dem Gedicht zu sein, desto mehr Gedanken und Gefühle kommen durch.
Der wichtigste Schlüssel ist, Spaß daran zu haben: Nimm dir Zeit, lies dir das Gedicht laut vor, lass die Worte auf dich wirken, denk über die Dinge nach, die sich dir in den Vordergrund drängen, oder über das Rätselhafte, das sie an sich haben, und … lies noch einmal!